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Verantwortungsvolles Investieren wird für die Pensionskassen wichtiger

Die Pensionskasse Publica bewertet ihre Staatsanleihen seit kurzem mithilfe eines Demokratieindexes. Länder, die gegen grundlegende demokratische Prinzipien verstossen, werden nicht mehr ins Anlageuniversum aufgenommen.

Die Pensionskasse des Bundes Publica setzt seit Kurzem stärker auf Sachwerte und Aktien und weniger auf Obligationen. Für Marktbeobachter erfolgt dieser Kurswechsel etwas spät. Doch Publica-Direktorin Doris Bianchi entgegnet, dass auch bei der neuen Anlagestrategie die Obligationen jene Anlagekategorie mit dem höchsten Gewicht sei. Für die Periode ab 2022 habe man das Szenario einer Stagflation – also einer grösseren Inflation verbunden mit einem reduzierten Wirtschaftswachstum – stärker gewichtet als früher. In diesem Szenario mache es Sinn, vermehrt auf Sachwerte zu setzen, da diese grundsätzlich den besseren Inflationsschutz böten als Obligationen. Das Gesamtportfolio werde durch die Anlagestrategieanpassung ausgeglichener.

Der Fokus liegt auf Nachhaltigkeit

Zu den Sachwerten zählt auch die neuen Anlagekategorie Infrastrukturanlagen. Dort liegt das Augenmerk u.a. auf erneuerbaren Energien. Von den Infrastrukturanlagen im Umfang von rund 1,2 Milliarden Franken legt Publica die Hälfte in Fonds an, die andere Hälfte wird direkt investiert – gemeinsam mit anderen institutionellen Anlegern. Dabei richtet Publica ihre Anlagestrategie nach den Vorgaben des Bundesgesetzes über die berufliche Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenvorsorge (BVG) aus. Dieses schreibt vor, dass die Vorsorgeeinrichtung eine marktübliche Rendite erwirtschaften muss. Publica kann daher nicht willentlich auf Rendite verzichten. Doch für Bianchi ist klar, dass in vielen Bereichen nicht entweder oder gilt, also entweder Rendite oder Nachhaltigkeit, sondern sowohl als auch, indem wichtige Risiken und Opportunitäten identifiziert werden. Und sie ergänzt: «Uns ist verantwortungsvolles Investieren sehr wichtig, weshalb wir seit acht Jahren eine anlagenübergreifende Nachhaltigkeitsstrategie anwenden.»

Welche Verbesserungen wurden schon erzielt?

2016 hat Publica zunächst Kohleproduzenten aus ihrem Anlageuniversum ausgeschlossen. Grundlage dafür war eine Risiko-Rendite-Analyse. Bei den Aktien richtet sich Publica heute zudem nach einem klimaeffizienten Aktienindex, der für jedes Unternehmen Risiken und Chancen aufzeigt. Bei den Immobilien in der Schweiz wiederum, die Publica direkt bewirtschaftet, will Publica die Treibhausgasemissionen in den nächsten zwölf Jahren gegenüber dem Jahr 2019 halbieren. Zum verantwortungsbewussten Investieren zählen nebst Umweltaspekten aber auch die Einhaltung einer Good Governance und von Sozialstandards. Diese Themen werden im Dialog mit den Unternehmen angesprochen. Staatsanleihen bewertet Publica seit kurzem mithilfe eines Demokratieindexes. Länder, die gegen grundlegende demokratische Prinzipien verstossen, werden künftig nicht mehr in das Anlageuniversum aufgenommen. Die Anwendung des Demokratieindex befindet sich seit 2023 allerdings erst in der Umsetzungsphase. Die Umschichtung erfolgt gestaffelt über die Zeit. Das Portfolio enthält auch Wertschriften von Tabakfirmen, weshalb die Lungenliga Schweiz einen Ausschluss dieser Titel fordert.

Bei Ausschlüssen von Wertschriften befolgt Publica die normativen Vorgaben, die sich aus dem Völkerrecht ergeben. So hat sie Unternehmen ausgeschlossen, die geächtete Waffen herstellen. In Bezug auf Investitionen in Tabakunternehmen kennt die Schweiz keine völkerrechtlichen Vorgaben, worauf man sich stützen könnte. Und aus einer Risiko-Rendite-Erwägung drängt sich kein Ausschluss auf. «Letztlich ist die Politik für die Tabakprävention zuständig – und nicht die Pensionskassen», fährt Bianchi fort. Zudem stelle sich die Abgrenzungsfrage, ob man gemäss dieser Logik beispielsweise nicht auch Alkoholproduzenten oder Glücksspielanbieter ausschliessen müsse.

Die Wirkung von Desinvestitionen in der Realwirtschaft ist begrenzt

Im Gegensatz zur Publica schliesst die niederländische Pensionskasse ABP auch Ölproduzenten aus. Publica hingegen setzt auf den Dialog mit diesen Firmen. Denn: «Die Wirkung von Desinvestitionen in der Realwirtschaft ist begrenzt. Als Aktionärin können wir hingegen direkt auf ein Unternehmen einwirken. Da Publica alleine zu klein ist, um eine Hebelwirkung zu erzielen, sind wir Mitglied bei Investorenvereinigungen wie ‘Climate Action 100+’ oder dem ‘Schweizer Verein für verantwortungsbewusste Kapitalanlagen’ und können dadurch unsere Interessen effektiver einbringen», wie Bianchi erklärt.

Greenwashing bleibt ein Thema

Der Markt für nachhaltige Anlagen ist in den vergangenen Jahren stark gewachsen. In der Folge wurde es laut Bianchi immer schwieriger, die echten nachhaltigen Anlagen von den übrigen zu unterscheiden. Und sie erläutert: «Uns ist es daher wichtig, dass wir möglichst unabhängige Datenprovider haben, die möglichst objektive Daten mit hoher Qualität verwenden. Derzeit prüfen wir unsere Fondsgefässe genau.»

Das vollständige Interview mit Doris Bianchi findet sich unter diesem Link.