Die Klimadebatte hat für 4 von 5 Erwachsene in der Schweiz einen geringen oder gar keinen Einfluss auf ihre Konsum- und Finanzentscheidungen. Dabei hat sich dieser Wert in den vergangenen 7 Jahren noch deutlich erhöht, obwohl viele behaupten, sie würden etwa Flugreisen reduzieren. Die Fakten sprechen eine andere Sprache.
In Europa stehen Wälder in Flammen und eine Hitzewelle reiht sich an die nächste. Aber einen Einfluss auf das eigene Konsumverhalten hat die Klimadebatte kaum: 34% der Schweizerinnen und Schweizer sagen, dass diese ihre Entscheidungen gar nicht beeinflusse, weitere 46% messen dem nur einen geringen Einfluss bei. Nur bei 20% wirkt sich die Klimadebatte auf ihr Handeln beim Einkaufen und Geldanlegen aus, wie eine repräsentative Comparis-Umfrage zeigt. Das ist signifikant weniger als noch vor und während Corona.
Verzicht oder eine Verhaltensänderung fällt Gutverdienenden noch schwerer
75% der Personen mit einem tiefen Bruttohaushaltseinkommen bis zu 4’000 Franken geben an, die Klimadebatte habe keinen oder maximal einen geringen Einfluss auf ihre Konsum- und Finanzentscheidungen. Bei den Gutverdienenden mit einem Bruttohaushaltseinkommen von über 8’000 Franken sind es sogar noch mehr: 84% dieser Befragten lassen sich bei ihren Konsum- oder Finanzentscheidungen kaum oder gar nicht von der Klimadebatte beeinflussen. «Der Verzicht oder eine Verhaltensänderung scheint Gutverdienenden noch schwerer zu fallen als Menschen mit weniger Geld im Portemonnaie. Das dürfte auch daran liegen, dass sich Besserverdienende schlicht mehr Reisen und mehr Konsum leisten können», sagt Comparis-Consumer-Finance-Experte Michael Kuhn.
Wer Kinder hat, handelt nachhaltiger
Befragte mit Kindern im Haushalt messen dem Thema eine höhere Bedeutung zu und handeln auch im Alltag bewusster: 74% von ihnen geben an, dass die Klimadebatte einen geringen bis sehr grossen Einfluss auf ihre Entscheidungen hat, während es bei Haushalten ohne Kinder nur 62% sind. «Wer über die eigene Lebensspanne hinausdenkt und auch kommende Generationen im Blick hat, agiert umsichtiger. Das zeigt sich auch bei der Haushaltsgrösse: Die Klimadiskussion prägt bei Drei- und Mehrpersonenhaushalten das eigene Verhalten deutlich stärker als bei Ein- und Zweipersonenhaushalten», sagt Kuhn.
Klimamüdigkeit macht sich seit Jahren breit
Interessant ist die Entwicklung der Umfrageergebnisse seit der ersten Studie im Jahr 2019: Comparis hat die Frage nach dem Einfluss der Klimadebatte auf Konsum- und Finanzentscheidungen bereits 14-mal gestellt. Zwischen Dezember 2020 und August 2023 haben jeweils 66% bis 70% mit "geringem" oder "gar keinem Einfluss" geantwortet. Danach nahm dieser Wert kontinuierlich zu, bis zu den neusten 80%. Der prozentuale Anteil der Personen, die gar keinen Einfluss sehen, stieg von einst 18% bis 20% auf aktuell 34%. «Diese Klimamüdigkeit ist das Resultat eines fatalen Mixes aus greifbareren, dringenderen Problemen wie zum Beispiel steigenden Krankenkassenprämien, höheren Mieten, Kriegen und Teuerung, einer Ermüdung durch eine omnipräsente Debatte sowie einem Gefühl der Machtlosigkeit, teils sogar Fatalismus», ordnet Kuhn ein.
Wollen ist nicht gleich Handeln
Wie hat die Klimadebatte das Nutzungsverhalten konkret im Vergleich zu vor einem Jahr beeinflusst? 40% aller, die mindestens einen geringen Einfluss der Debatte auf ihr Konsumverhalten einräumen, gaben auf diese Frage an, sie würden weniger Fleisch und tierische Produkte konsumieren. 36% gaben an, sie hätten bei Flugreisen Abstriche gemacht. Diese Werte sind seit Jahren ziemlich stabil – aber spiegeln sie auch die Realität?
Fleisch- und Eierkonsum steigt
Ein Blick in statistische Daten zeigt: Der Fleischkonsum stieg von 2023 (48 Kilo, der tiefste Wert seit dem Jahr 2000) bis 2024 (50 Kilo) und danach nochmals im Jahr 2025 (51 Kilo pro Kopf). Insgesamt blieb der Fleischkonsum seit 2019, dem ersten Jahr der Comparis-Umfrage, stabil bei rund 50 Kilo pro Kopf, gemäss dem Agrarbericht des Bundesamts für Landwirtschaft. Der jährliche Pro-Kopf-Verbrauch von Eiern stieg 2025 sogar zum ersten Mal über die 200er-Marke auf 209, wie Zahlen des Bundesamtes für Zoll und Grenzsicherheit zeigen. Der Pro-Kopf-Verbrauch von Milch und Milchprodukten blieb in den letzten Jahren ziemlich stabil.
Zahl der Lokalpassagiere ab dem Flughafen Zürich nimmt zu
Ein ähnliches Bild zeigt sich bei den Flugreisen: Die Zahl der Lokalpassagiere ab dem Flughafen Zürich nimmt zu: Waren es im Jahr 2019 noch 22,2 Millionen Lokalpassagiere, waren es letztes Jahr 23,2 Millionen – ein neuer Rekord. Auch wenn nicht alle, die in Zürich abfliegen oder landen in der Schweiz wohnen, gibt es diverse weitere Indikatoren, die darauf hindeuten, dass die Nachfrage nach Flugreisen nicht gesunken ist; zum Beispiel die im Vergleich zu 2019 gestiegenen Ausgaben für Auslandreisen gemäss Bundesamt für Statistik oder die Mikrozensus-Auswertung der HSLU für die Stadt Zürich. Diese zeigt, dass die Stadtzürcherinnen und Stadtzürcher 2024 mit durchschnittlich 10’500 Kilometern rund 600 Kilometer weitergeflogen sind als 2023. «Man hätte zwar gerne, dass etwas getan wird, aber wenn es dann darum geht, selbst auf eine Flugreise, Kleider oder ein Schnitzel zu verzichten, will man das dann doch nicht», meint Kuhn. «Zwar gibt es einen kleinen Teil der Schweizer Bevölkerung, der aufgrund der Klimaveränderung bewusster lebt und zum Beispiel weniger Fleisch und tierische Produkte konsumiert. Doch es sind wohl noch deutlich weniger, als der kleine Anteil an Personen, der angibt, entsprechend zu handeln.»